Münire Inam

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Beruf: Journalistin
Geburtsjahr: 1983
Wurzeln: Türkei

Münire Inam ist Mitarbeiterin des ORF-Report und seit 2007 Vorstandsmitglied des Frauennetzwerks Medien.

Münire Inam, geboren 1983 in Bandirma in der Türkei, übersiedelt vor ihrem Schuleintritt nach Wien. Sie absolvierte das Studium der Soziologie an der Uni Wien. Zwischen 2004 und 2007 betätigte sie sich in diversen Praktika (u.a. profil-Innenpolitik), war als Mitarbeiterin der ORF Minderheitenredaktion und im ZDF-Korrespondentenbüro Istanbul tätig. 

Seit April 2007 arbeitet Münire Inam als Mitarbeiterin des ORF-Report , seit 2007 ist sie außerdem Vorstandsmitglied des Frauennetzwerks Medien.

Münire Inam zum Thema Migrationshintergrund und Selbstwahrnehmung:

Ich heiße Münire Inam. Ich weiß nicht, ob es Ihnen jetzt auch so geht, aber aus Erfahrung weiß ich, wenn die Leute meinen Namen hören oder lesen, dann denken sie: ‘Ah. Sie hat einen Migrationshintergrund.’ Migrationshintergrund, also. Ich hab den Begriff mal gegoogelt. Ich zitiere: “Migrationshintergrund ist ein Ordnungskriterium der bundesdeutschen amtlichen Statistik zur Beschreibung einer Bevölkerungsgruppe mit einem Syndrom an Merkmalen.” Das einzige, was bei mir hängen blieb war: Syndrom. Sie müssen wissen, ich bin ein Hypochonder.

Muss ich jetzt zum Arzt gehen?

Was Migrationshintergrund heißt, habe ich nach und nach gelernt. Zum Beispiel bedeutet es, dass man Dummheiten von Politikern und die Missstände im Land, aus dem die Großeltern kommen verantworten bzw. rechtfertigen muss. “Warum hat Erdogan das gesagt? Was denkst du darüber?”. Mittlerweile habe ich gelernt zu sagen: “Ich bin ja nicht die türkische Botschaft.”

Ein Leben lang versuchst du das Gastarbeiter-Image loszuwerden, lernst was das Zeug hält, machst die Matura mit Auszeichnung, studierst in Mindestzeit, lernst Walzer statt Bauchtanz, isst lieber Sachertorte statt Baklava und hältst bei der Europameisterschaft zu Österreich. Und dann sagt einer: Du bist doch Türkin. Migrationshintergrund heißt also die Andere sein und die Andere bleiben.

Also doch ein Syndrom. Ein ansteckendes Virus?

Jetzt stellt sich die Frage: Wo Viren, dort auch Überträger. Ist’s die Politik, sind’s die Medien? Wie sehr tragen sie dazu bei, dass wir die Gesellschaft in den Kategorien “Sie” und “Wir” wahrnehmen?  Sprache ist ein grundlegendes Kriterium für das Dazugehören oder Ausgeschlossen-Werden. Aber die Wahrnehmung von Sprachkenntnissen ist so eine Sache: “Du sprichst so ein reines Deutsch” sagt einer zu mir.

Darauf ein Zweiter: “Das ist bei den meisten, die einen Migrationshintergrund haben und hier aufgewachsen sind so. Weil die lernen ja die Sprache im nachhinein, deshalb sprechen DIE anders als WIR.”

Aber wie gesagt, die Wahrnehmung ist so eine Sache: Erste Redaktionssitzung während meines Praktikums bei einem deutschen Sender. Kaum öffne ich den Mund, fällt die Frage:

“Bist du etwa aus Österreich?“

“Ja, warum fragst du?”

“Das hört man sofort” ist die Antwort. Naja, zumindest für die Deutschen bin ich Österreicherin. Ob das ein Trost ist?
Foto copyright: Niko Formanek


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