Ismet Özdek

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Beruf: Tanzlehrer
Geburtsjahr: 1979
Wurzeln: Türkei

..nach kurzer Zeit in der Tanzschule verbesserte sich meine Sprache und plötzlich gehörte ich „dazu“,.. Heute ist Ismet Özdek Choreograph des Wiener Opernballs

 

Ich wurde als 3. von 5 Kindern im „wilden Kurdistan“ – anatolischen Teil der Türkei – geboren. In unserem Dorf gab es keinen Strom und auch kein Fließwasser. An uns Kinder wurden Aufgaben übertragen, denn auch wir mussten unseren Beitrag leisten, ich war ein Ziegenhirte.

Als wir im Dorf lebten, waren meine Eltern Bergbauern. Unser Vater, der nur eine Volksschule besucht hatte, arbeitete nebenher auch als Maurer. Unsere Mutter, sie hatte traditionsgemäß keine schulische Ausbildung, war Hausfrau und kümmerte sich um die Kinder und Felder.

Ich ging in Kigi – die nächste größere Stadt – zur Schule, da es im Dorf keine Möglichkeit einer schulischen Ausbildung gab. Dort lernte ich das Leben im Internat kennen, wo ich auch meine erste Bekanntschaft mit einer Zahnbürste und einem Fernseher machte. 

Meine Muttersprache ist Kurdisch. Diese Sprache durfte in der Türkei nicht gesprochen werden und wir mussten Türkisch lernen. In der Schule wurde ausschließlich Türkisch gesprochen.

Es war nicht einfach, aber ich musste mich anpassen und somit gerieten meine Kurdischkenntnisse immer mehr in Vergessenheit, weshalb ich heute meine eigentliche Muttersprache nur mehr sehr schlecht spreche.

Aufgrund der ständigen Unruhen im kurdischen Teil der Türkei und der angespannten politischen Situation (Verfolgung der Kurden) beschloss unser Vater, dass wir unser Heimatdorf verlassen. Unser Weg führte uns in die Stadt Bursa.

Mein Tagesablauf als 7jähriger gestaltete sich in der Form, dass ich vormittags zur Schule ging und am Nachmittag arbeitete. Und es war wirklich harte Arbeit. Mein Brüder und ich arbeiteten als Schuhputzer, wir transportierten Kohle oder Holz, sammelten Alteisen, machten diverse Arbeit auf Baustellen oder aber wir verkauften Brot als Straßenverkäufer.

Wir hatten keine Wahl – wir mussten arbeiten, denn das Geld war knapp und so verdienten wir ein paar Türkische Lira, damit unsere Eltern unsere Schulausbildung leichter finanzieren konnten.

Zu dieser Zeit lebten meine 2 älteren Geschwister, mein jüngerer Bruder und ich mit unserer Mutter bereits alleine in  Bursa, da unser Vater im benachbarten Ausland arbeitete, um die finanzielle Situation aufzubessern. 

1988 reiste mein Vater nach Österreich. Er hatte Österreich als unsere zukünftige Heimat ausgewählt, weil er mit uns in einem Land leben wollte, das keine Kriege führt. Aufgrund der Verfolgung der Kurden in der Türkei wusste er aus eigener Erfahrung, was Krieg bedeutet und wollte auf diese Weise vorsorgen, dass seine Söhne nie in den Krieg ziehen müssen.

Mein Vater arbeitete als Tellerwäscher, Frisör (ohne diesen Beruf jemals erlernt zu haben – er schor vorher nur Schafe) und nahm ohne Scheu jede Arbeit an, um seinen Lebensunterhalt hier in Wien und unseren in der Türkei zu finanzieren. 

Zwei Jahre später – also 1990 – war es soweit. Unser Vater hatte eine Wohnung und alles andere soweit organisiert, dass auch meine Geschwister, meine Mutter und ich nach Österreich kommen konnten.

 

Mein Weg zur Integration

Weder meine Geschwister noch ich hatten Deutschkenntnisse als wir in Österreich ankamen. Hatten wir doch erst vor kurzer Zeit mühevoll die Türkische Sprache erlernen müssen.

Bereits in der Volksschule erhielt ich regelmäßig Deutsch-Förderunterricht. Leider verbesserte sich meine Sprache kaum. Ein Nachbar – er war im Jahr 2010 mein Trauzeuge – meinte eines Tages, dass ich doch in die Tanzschule gehen soll. Es würde mir helfen schneller und besser die Sprache zu lernen und außerdem wäre es viel einfacher mit anderen Leuten in Kontakt zu kommen. Dass man das Tanzen auch lernt, war anfangs nur eine Nebensache.

Ich war von der Idee wenig begeistert, da ich ein schüchternes Kind war, das lieber zu Hause war und kaum von der Seite der Mutter wich. Aber ich ließ mich überreden und besuchte meinen ersten Tanzkurs im Jahr 1995. Nach nur kurzer Zeit in der Tanzschule verbesserte sich meine Sprache merkbar – bei den Tanzschritten dauerte es deutlich länger – und plötzlich gehörte ich „dazu“, ich wurde nicht mehr an der Seite stehen gelassen.

Der Eigentümer der Tanzschule – heute ein guter Freund – meinte, dass ich die Ausbildung zum Tanzlehrer machen sollte.

Meine Antwort damals war: „Wie soll ich unterrichten, wenn ich nicht einmal die deutsche Sprache richtig beherrsche?“. Aber er war von meinen Fähigkeiten überzeugt und ich startete 1999 mit der 3jährigen Tanzlehrerausbildung.

Bereits ab dem Jahr 2002 unterrichtete ich als selbständiger Tanzlehrer in verschiedenen Tanzschulen in Wien und Niederösterreich. Im September 2007 war es dann soweit und ich eröffnete meine eigene Tanzschule „isi-dance“ in Bruck an der Leitha, Niederösterreich. 

Aufgrund meines kompetenten Auftretens wurde ich im Jahr 2005 vom Operballbüro Wien beauftragt, die Eröffnung des Opernballs im Nationaltheater in Zagreb (Kroatien) zu choreographieren.

Ebenfalls im Auftrag des Opernballbüros Wien, reiste ich im Jänner 2010 nach Peking (China) um einen Großteil der tänzerischen Vorbereitung (Einstudieren einer Eröffnungspolonaise) für die Produktion eines Werbefilms für einen Operball in Peking zu leiten.

Eine Auswahl der chinesischen Eröffnungspaare aus Peking reiste auch zum Wiener Opernball 2010 an und wirkte beim Jungdamen- und Jungherrenkomitee mit. 

Im Sommer 2011 bewarb ich mich mit meiner Tanzschule „isi-dance“ bei der Ausschreibung zur Choreographierung des Eröffnungstanzes des Jungdamen- und Jungherrenkomitees des Opernballs 2012 und erhielt den Zuschlag.

Somit durfte ich als jüngster Tanzlehrer (32 Jahre) und erster Tanzleher mit nichtösterreichischen Wurzeln die Choreographie des Opernballs 2012 gestalten und mit 144 Eröffnungspaaren einstudieren.

Am 16. Februar 2012 wurde diese Eröffnungschoreographie von zahlreichen Medien in die ganze Welt übertragen.

Als Ausgleich zu meiner beruflichen Tätigkeit im Facility Management, dem Unterrichten in meiner Tanzschule und aus Freude am Kontakt zu anderen Menschen, verrichte ich so oft es meine Zeit zulässt ehrenamtlichen Sanitätsdienst beim Roten Kreuz in Gerasdorf/Wien. 

Ich glaube sagen zu können, dass ich aufgrund meines Willens, meines Ehrgeiz und meiner Aufgeschlossenheit dem Neuen und anderen Menschen gegenüber, Wege beschreiten durfte, die es mir ermöglicht haben, mich in die Gesellschaft hier in Österreich zu integrieren, von den Mitmenschen akzeptiert zu werden und mich in meiner neuen Heimat wohlzufühlen. 

 

Kontakt mit dem Projektteam aufnehmen projektXchange@roteskreuz.at